Da Hannjer un sei Kej – Erinnerungen an einen Guckheimer Original
Es gibt Menschen, die prägen ein Dorf nicht durch große Taten oder hohe Ämter – sondern durch Beständigkeit, Eigenart und den Klang einer Melodie. In Guckheim war einer davon „da Hannjer“, mit vollem Namen Johann Georg Koch. Über ein halbes Jahrhundert lang zog er mit seiner Herde durchs Dorf – vorneweg sein Signalhorn, hinter ihm 100 Kühe und zwei treue Hunde. Für viele war er mehr als nur ein Kuhhirte. Er war ein Stück Dorfseele.
Wie ein Kuhhirte zum Dorfgesicht wurde
Von 1908 bis 1958 versah Hannjer seinen Dienst – jahrzehntelang, bei Wind und Wetter, ohne großen Aufhebens. Zweimal täglich ging er durch die Straßen: morgens, um die Kühe auf die Weide zu bringen, nachmittags, um sie zurückzuholen. Und jedes Mal ertönte seine eigens komponierte Melodie – ein Signal, das in Guckheim jeder kannte. Wenn es erklang, flitzten Kinder los, riefen den Eltern zu: „Da Hannjer kimmt!“ Und schon wurden im Stall die Türen aufgerissen, die Kühe losgekettet und auf die Straße getrieben.
Was heute nach Idylle klingt, war harte Arbeit. Die Herde bestand oft aus bis zu 100 Tieren – jedes mit Eigenheiten, jedes mit seiner Vorgeschichte. Hannjer kannte sie alle. Seine Hunde, Nero und Kull, halfen ihm dabei, Ordnung zu halten. Sie wussten, wann sie bellend einschreiten mussten – und wann ein Blick genügte.
Der Weg führte meist ins Eichental – eine der großen Gemeindewiesen, die als Weidefläche dienten. Stundenlang war Hannjer dort unterwegs, nie ohne einen Blick auf seine Tiere. Wenn er sich setzte, dann auf seinen mitgebrachten Schemel. Und wenn er sprach, dann selten – aber mit Nachdruck.
Sein Signalhorn war mehr als nur ein Instrument – es war Kommunikationsmittel, Markenzeichen, Dorfmusik. Niemand sonst spielte es wie er, niemand sonst konnte aus einem einfachen Kuhhirten eine so vertraute Figur machen. Er war da, jeden Tag, über Jahrzehnte hinweg. Das war seine Größe.
Hannjers Lebensstil war bescheiden. Er brauchte nicht viel, nahm kaum Platz ein – aber hinterließ Spuren. Noch heute erinnern sich Ältere an ihn, als wäre er gestern durchs Dorf gegangen. Vielleicht war er auch deshalb so besonders: Weil er in einer Welt, die sich ständig verändert, konstant blieb. Einer, der nicht viel sagte, aber viel bedeutete.
Sein „Kej“, sein kleiner Hocker, auf dem er saß, wenn die Kühe grasten, ist längst verschwunden. Auch die Hunde sind Geschichte. Aber der Klang seines Horns hallt in Erzählungen weiter – und wer genau hinhört, meint ihn manchmal noch zu hören: früh am Morgen, wenn der Nebel über den Wiesen hängt.
