Wenn der Wiesbaum wackelte – Landwirtschaft früher in Guckheim

Die Luft roch nach feuchtem Boden, das Gras war noch taubedeckt, und irgendwo im Dorf hallte schon das erste Dengeln. Wer in Guckheim im 20. Jahrhundert aufwuchs, lernte die Jahreszeiten nicht aus dem Kalender, sondern mit der Mistgabel in der Hand. Landwirtschaft war Alltag – kein Beruf, sondern Lebensform. Und sie war geprägt vom Rhythmus der Natur, der Kraft der Familie und der ständigen Improvisation.

Ein Jahr auf dem Feld, wie es einmal war

Der bäuerliche Jahreslauf begann im März – sobald der Schnee geschmolzen war und der Boden das erste Mal unter den Füßen nachgab. Mist wurde aus den Ställen auf die Felder gefahren, mit der Karre, per Kuh oder Pferd. Dann wurde gepflügt, gesät, geeggt. Kartoffeln kamen in den Boden, meist per Hand, und wurden später mit dem Pflug „gehäufelt“ – eine Kunst für sich.

Der Mai gehörte den Runkelrüben – und dann kam der Sommer. Wenn in den Guckheimer Höfen das Dengeln der Sensen zu hören war, wussten alle: Die Heuernte beginnt. Mit der Sense auf dem Rücken und dem Schleifstein am Gürtel zog man hinaus in die Wiesen. Morgens, wenn das Gras noch nass war, war die beste Zeit zum Mähen. Später wurde mit dem Rechen gewendet, aufgeschüttelt, in Reihen gezogen. War das Heu trocken genug, ging es auf den Wagen – hoch aufgetürmt, mit dem „Wisbaam“ gesichert, einer hölzernen Querstange, die über das Heu gespannt wurde, damit auf holprigen Wegen nichts verloren ging.

Kaum war das Heu eingefahren, stand schon die Getreideernte an. Mit Sichel und Reff wurde geschnitten, gebunden, zum „Hausten“ aufgestellt – ein Garbenhaufen mit einem „Hut“ obenauf gegen den Regen. Gedroschen wurde später – früher mit dem Dreschflegel, später mit der fahrenden Dreschmaschine, die mit lautem Geknatter in die Scheunen einzog. Kinder standen mit offenem Mund daneben, während Erwachsene in Taktarbeit Garben einlegten, Säcke schleppten und Körner sortierten.

Nach dem Getreide kam das „Grommischt“ – der zweite Schnitt der Wiesen, meist Anfang September. Und dann rückte die Zeit der Kartoffeln näher. Das ganze Dorf roch nach Erde, wenn Groß und Klein mit Räfje und Mann (kleinem und großem Korb) auf dem Feld standen, sortierten, sammelten, schleppten. Wer viele Säcke voll nach Hause brachte, hatte gut gewirtschaftet.

Abgeschlossen wurde das Jahr mit der Rüben- und Krauternte. Die schweren Wurzeln wurden mit Beil und Muskelkraft entblättert, in Keller oder Erdmieten gebracht. Danach: Aussaat für das nächste Jahr, Mist fahren, Jauche verteilen, Geräte reinigen – und wieder warten auf den Frühling.

Landwirtschaft in Guckheim war kein nostalgisches Idyll, sondern körperlich fordernde, wetterabhängige Knochenarbeit. Sie war geprägt von Gemeinschaft, gegenseitiger Hilfe – und von kleinen, bitteren Momenten. Wenn ein Erntewagen auf dem Heimweg „eine Ecke verlor“. Wenn das Wetter nicht mitspielte. Oder wenn nach einem ganzen Jahr harter Arbeit die Erträge kaum reichten.

Und doch war es auch eine Zeit, in der jeder wusste, was der Nachbar gerade tat. Wenn der Wiesbaum wackelte, war Heuernte. Wenn man morgens den „Pietsch“ hörte, war der Roggen reif. Und wenn im September die Kirmes kam, dann wusste man: Das Jahr neigt sich dem Ende zu – auf dem Feld wie im Leben.