Kirmes, wie sie früher war – Zwischen Tanzböden und Tanzverboten
Ein ganzes Jahr lang geschah wenig im Dorf. Die Felder wurden bestellt, das Vieh versorgt, die Arbeit machte keine Pause. Und dann, meistens im September, passierte es: Kirmes. Plötzlich stand die Zeit still – und alles drehte sich um Musik, Bier, Tanz und Geschichten, die noch Jahre später weitererzählt wurden.
Wenn Guckheim für ein Wochenende das Feiern lernte
Die Kirmes war mehr als ein Dorffest. Sie war ein kollektives Ausbrechen aus dem Alltag. Schon Tage vorher wurde aufgebaut: Zelte gespannt, der Tanzboden gehobelt, Bänke zurechtgerückt. Und dann kamen sie – von überall her. Nicht nur Guckheimer, sondern auch Gäste aus den Nachbardörfern, manche sogar mit dem Fahrrad aus Hadamar oder Westerburg.
Mittelpunkt war der Tanzboden. Kein Luxus, kein Parkett, sondern einfache Holzdielen – aber wenn die Kapelle aufspielte, bebte der Boden. Die Musiker, oft regionale Größen, sorgten für schweißtreibende Nächte. Es wurde getanzt, was das Zeug hielt – Walzer, Polka, später auch Rock’n’Roll. Wer müde wurde, setzte sich an den Biertisch, bestellte ein „Schnäpsche“ und kommentierte das Geschehen mit spitzer Zunge.
Die Kirmesburschen hatten ihren großen Auftritt – markant an ihren roten Halstüchern und mit viel Energie bei der Sache. Sie organisierten den Ausschank, hielten die Stimmung oben, dekorierten mit Birkenzweigen und holten den Kirmesbaum ins Dorf. Und sie ließen sich auch nicht nehmen, jeden „Kirmesflüchtling“ ausfindig zu machen – also jeden, der sich der Feier entziehen wollte. Solche wurden symbolisch „verurteilt“, manchmal in die Luft gehoben, manchmal auch mit einem humorvollen Gedicht bedacht.
Doch nicht jeder sah das bunte Treiben gern. Manch ältere Dorfbewohner schauten kritisch. Besonders in früheren Jahrzehnten, als die Kirche Einfluss auf das dörfliche Leben hatte, wurde gern diskutiert: Darf man tanzen, wenn am nächsten Tag Messe ist? Sollte man am Friedhof vorbeifeiern? Es gab sogar Zeiten, in denen das Tanzen am Kirmessonntag untersagt war – zumindest offiziell. Inoffiziell fanden sich immer Wege.
Besonders in Erinnerung geblieben sind die ersten Nachkriegskirmessen. Nach Jahren der Entbehrung war das Fest wie ein Aufatmen. Man feierte das Leben, tanzte gegen die Dunkelheit an. Es war nicht nur Fest, sondern Neuanfang – mit Musik, mit Lachen, mit offenen Armen.
Heute ist vieles anders. Kirmeszelte gibt es noch, aber das Gefühl von damals ist schwer zu konservieren. Vielleicht, weil das Dorf sich verändert hat. Vielleicht, weil der Tanzboden nicht mehr knarzt wie früher. Aber wer einmal die Kirmes in Guckheim erlebt hat – mit blauen Lichtern, lauter Musik und dem Duft von Bratwurst in der Luft – der weiß: Da war mehr als nur ein Fest. Da war ein Stück Dorfleben im Ausnahmezustand.
