Von stelzenden Dorfbewohnern und der Kraft des Elbbaches
Der Westerwald hat seine Eigenheiten – und seine Spitznamen. Wer in Guckheim aufwächst, lernt irgendwann, dass man in der Nachbarschaft einst nicht einfach nur „Guckheimer“ war, sondern: ein „Bachstelzjer“. Ein etwas schelmisch gemeinter Titel, der sich über Generationen gehalten hat – und eine Geschichte erzählt, die mehr mit nassen Füßen als mit Vogelstimmen zu tun hat.
Die Geschichte hinter dem Guckheimer Spitznamen „Bachstelzjer“
Zurück geht der Beiname auf einen ganz praktischen Umstand: den Elbbach. Dieser schlängelte sich über Jahrhunderte durch das Dorf – mitten hindurch, ohne Brücke, ohne Steg. Wer von Guckheim Richtung Salz wollte, musste durchs Wasser. Und zwar buchstäblich. Die Wagen passierten den Bach an einer Furt, doch für die Fußgänger blieb nur der hüpfende Weg über einzelne Steine oder improvisierte Übergänge.
Man stellte sich das etwa so vor: Frauen rafften ihre Röcke, Männer krempelten die Hosenbeine, Kinder wurden kurzerhand auf den Rücken geschnallt. Und wer Glück hatte, kam mit trockener Kleidung ans andere Ufer – wer Pech hatte, mit einem unfreiwilligen Bad im kalten Bachwasser. So wie die kleinen, flink trippelnden Bachstelzen, die sich auf Steinen am Ufer tummeln, mussten auch die Guckheimer über den Bach „stelzen“. So kam der Spitzname zustande – halb spöttisch, halb anerkennend für so viel Wassermut.
Besonders beim Kirchgang am Sonntagmorgen wurde die Angelegenheit zur Belastungsprobe. Wenn die durchnässten Guckheimer Gläubigen in der Pfarrkirche von Salz auftauchten, empfing man sie schon mal mit einem spitzbübischen „Die Bachstelzjer komme!“
Im Jahr 1909 beendete eine Hochwasserkatastrophe das mühsame Stelzen vorerst. Eisschollen beschädigten den Mittelpfeiler der alten steinernen Brücke so stark, dass sie einstürzte. Erst 1911 wurde an gleicher Stelle eine neue Betonbrücke errichtet – die allerdings 1975 schon wieder ersetzt werden musste, dem zunehmenden Verkehr sei Dank.
Heute erinnert nichts mehr an das waghalsige Hüpfen über den Elbbach. Der Bach ist gezähmt, überquert wird er auf sicheren Wegen. Und doch: Der Spitzname „Bachstelzjer“ lebt weiter – als charmantes Überbleibsel einer Zeit, in der man für jeden Schritt ins Nachbardorf ein wenig Abenteuerlust brauchte.
